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Interview Sissy Thammer | Richard's Magazin | Bayreuther Festspiele 2021

Die Frau Europas – Intendantin des „Festival Junger Künstler Bayreuth“

Wie war das letzte Jahr für Sie, Frau Thammer?

Meine Antwort auf diese Frage ist eine, die wahrscheinlich alle geben: unsicher und anstrengend. Ich hatte die Verantwortung dafür, dass ein 70-jähriges Festival nicht wegen einer Katastrophe kaputt geht. Dem habe ich mich verpflichtet gefühlt. 

Alles war anders, also mussten wir die Planung komplett neu angehen. Es war klar, dass ein Festival wie 2018 oder 2019 nicht möglich ist. Wir – das gesamte Team – haben „trotzdem“ gesagt. Wir brauchten eine ganz neue Idee und sind die Situation mit Distanz angegangen. Ja, es ist unbequem, etwas ganz Neues zu schaffen. Es ist bequemer, auf ausgetretenen Pfaden zu gehen. Nur muss man dazu sagen: Es ist auch langweilig. Ausgetretene Pfade habe ich noch nie gemocht. 

Wenn ich mich daran zurückerinnere, war die Zeit zwar unsicher und anstrengend, aber ich habe gemerkt, dass ich damit umgehen kann. Resilienz und der unbedingte Wille, etwas möglich zu machen, waren meine Stärke. Der unbedingte Wille bedeutet für mich, Gegebenheiten anzunehmen, die sich nicht ändern lassen, aber alles zu ändern, was gerade möglich ist. 

Diesen starken Willen findet man auch bei der Dirigentin Oksana Lyniv.

Oksana Lyniv wird in diesem Jahr die erste Frau am Festspielpult sein. Sie haben bereits mit Frau Lyniv gearbeitet, als das Youth Symphony Orchestra of Ukraine (YsOU) beim Festival junger Künstler mitgewirkt hat. Wie war die Zusammenarbeit mit Frau Lyniv und dem Orchester?

2019 hat das Youth Symphony Orchestra of Ukraine (YsOU) an einem Workshop teilgenommen. „Ton für Ton“ war eine großartige Idee der Tonmeisterin Prof. Dagmar Birwe, mehrfache Echo-Klassik-Preisträgerin, mit dem Ziel, die Kommunikation zwischen den Toningenieur:innen und den Musiker:innen zu verbessern. Es war ein super Projekt und ich konnte Oksana Lyniv hautnah erleben. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sie eine überragende Dirigentin ist. Ich kann mich noch genau daran erinnern: Sie hat den Raum betreten – eine ganz zierliche Person, eine gutaussehende junge Frau – und wirkte wie eine Feder aus Stahl – im positiven Sinne. Spannung, unglaubliche Präsenz: Das hat sich den jungen Künstler:innen sofort mitgeteilt. Oksana Lyniv fordert viel, sie ist anspruchsvoll, aber so gibt sie jungen Menschen eine neue Lebensperspektive.

Als bekannt gegeben wurde, dass in diesem Jahr die erste Frau am Festspielpult stehen wird, war mir klar: Es ist Oksana Lyniv.

Was mich besonders beeindruckt hat und bis heute beeindruckt, ist ihre Heimatliebe. Oksana Lyniv ist stolz auf die Ukraine und ihre Kultur und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, unbekannte oder bei uns noch nicht bekannte ukrainische Komponist:innen zu fördern. Das ist ihr Ziel: Die Kultur ihrer Heimat in die Welt zu tragen. 

Sie zählen zu den starken Frauen der Kulturszene Bayreuths. Was treibt Sie an? Wer sind Ihre Vorbilder?

Als ich damals nach Bayreuth kam, war Wolfgang Wagner für mich ein großes Vorbild. Ich war fasziniert von seiner Menschlichkeit, seiner Präsenz und seinem Biss.

Ein weiteres Vorbild ist meine Mutter. Pflicht war eines ihrer ersten Worte, Pflicht und Disziplin. Ich erinnere mich noch genau an ein Telefonat mit ihr. Es war im Mai oder Juni, einer Zeit, in der sich bei mir immer die Festivalnervosität ausbreitet. Als ich ihr erzählte, wie viel ich zu tun hätte und wie anstrengend alles ist, sagte sie: „Was redest du? Contenance! Eins nach dem anderen, das Wichtige zuerst.“ Diese Worte waren für mich als Managerin ein hervorragender Tipp.

Das Festival junger Künstler Bayreuth fördert Diversität, Akzeptanz und die Gleichstellung der Geschlechter. Was meinen Sie, inwiefern hat sich das Thema Geschlechtergleichstellung in der Kulturbranche in den letzten Jahren verändert? 

Ich spüre, dass auf Geschlechtergerechtigkeit immer mehr Wert gelegt wird. Und auch auf die Förderung von Frauen in allen Berufen. Ich merke das auf breiter Ebene und nicht nur in den künstlerischen Berufen. Im künstlerischen Bereich ist zu beobachten, dass immer mehr Dirigentinnen aufstehen. Ich habe auch schon vor 30 Jahren mit Frauen gearbeitet, aber es war eher eine Ausnahme. Heute sind Dirigentinnen zwar immer noch selten, aber sie sind nicht mehr so exotisch wie noch vor 25 oder 30 Jahren. Unser Festival wird von den Medien oftmals ausschließlich über die Aktivitäten wahrgenommen, über die Konzerte, aber die politische und die pädagogische Arbeit, die das ganze Jahr über geleistet wird, wird schnell übersehen. Die Förderung von jungen Frauen im Beruf und für eine mögliche Führungsrolle war mir immer ein Anliegen. Für meinen Erfolg musste ich hart arbeiten und es gefällt mir, wenn mich junge Frauen als „Role Model“ betrachten. Ich möchte ihnen zeigen, wie sie sich und ihre Kompetenz richtig präsentieren und selbstbewusst auftreten. Zu meinen Studentinnen sage ich immer: „Sprecht nicht über das, was ihr gemacht habt. Sprecht über das, was ihr gelernt habt.“ Wir brauchen Persönlichkeiten und keinen Lebenslauf. Wir suchen Menschen, die aufstehen, Menschen, die Konflikte bewältigen können.

Das diesjährige Thema des Festivals ist „Transformation. Tradition. Aufbruch.“ Was bedeutet das für Sie persönlich?

Als wir ein Generalthema gesucht haben, nicht nur für das Festival, sondern auch für unsere gesamte kulturpolitische Arbeit, ist uns das Thema Transformation förmlich entgegengesprungen.  Diese Idee war also absolut kein Geistesblitz, Transformation muss einfach sein. Das zweite Schlagwort, Tradition, bedeutet für uns die Rückbesinnung auf unsere Wurzeln. Wir sind das älteste Jugendfestival Europas und wir liefern durchgehend höchste Qualität – und das seit Generationen. Aufbruch geht wieder zurück zur Transformation: Wer heute nicht aufbricht, ist weg vom Fenster. Man muss sich anpassen und mit der Zeit gehen.

Sowohl die Festspiele als auch das Festival junger Künstler werden in diesem Jahr noch nicht so ablaufen wie zuvor. Inwiefern betrifft das das
diesjährige Festival?

Die wesentlichen Veränderungen in diesen Zeiten der Pandemie liegen in der Distanz. Die Locations werden kleiner, es sind nur ein Viertel der Sitzplätze nutzbar. Es gibt Menschen, die Angst haben. Und es gibt Menschen, vor denen wir Angst haben, weil sie sich nicht an die Vorschriften halten. Normalerweise gehen unsere Einladungen in die ganze Welt. Aktuell arbeiten wir zwar auch mit Menschen anderer Nationen zusammen, aber nur mit denen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben. Das sind alles Dinge, mit denen wir umgehen müssen.

Ich denke, es wird nie mehr ganz zu dem zurückgehen, was es einmal war. Aber ich denke auch, dass uns die Coronapandemie, so schlimm sie auch ist, neue Wege aufzeigt. Es wird Veränderung geben und es muss sie sogar geben. Und wenn ich mir unser Programm anschaue, finde ich es frisch, lebendig und vor allem aktuell. Wir machen Projekte, auf die wir sonst gar nicht gekommen wären und sind damit erfolgreich. Da fällt mir ein Zitat ein, das mal ein ehemaliger Assistent, ein Rennfahrer, zu mir gesagt hat. Auf die Frage, was einen Sieger bei einem Rennen ausmacht, antwortete er: „Der Sieger macht weniger Fehler und bremst später.“ Das hat mir sehr gefallen und nach diesem Motto arbeite ich auch.

Sie haben im letzten Jahr vermehrt digitale Methoden eingesetzt, um das Festival 2020 überhaupt möglich zu machen. Werden Sie das für die Zukunft beibehalten?

Auf jeden Fall! Man kann schon etwas Sehnsucht haben nach den alten Tagen, aber die aktuelle Zeit bringt neue Aspekte mit sich, die ich hochspannend finde. Ich bin eine Befürworterin digitaler Projekte, solange sie gut gemacht sind. Auch im digitalen Bereich muss die Qualität stimmen. Es entsteht etwas Neues und ich freue mich darauf!

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